Regionalportal Donau-Ries
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    Stadtplatz Monheim
    Stadtplatz Oettingen

    Baukultur

    „Wertvolle Ortskerne – eine baukulturelle Geschichte“

    Eine ortstypische Baukultur prägt die Gesellschaft und erhält gewachsene Kulturlandschaften

    Jede Gegend hat „ihr“ Bauernhaus, denn die Topographie oder lokale klimatische Gegebenheiten einer Landschaft beeinflussten Lage und Struktur eines Bauernhauses. So hat der an landschaftlichen und klimatischen Varianten reichere Süden Deutschlands eine wesentlich größere Anzahl an Bauernhaustypen hervorgebracht als die einheitlichere  norddeutsche Tiefebene. Allein Bayern zählt an die zwanzig Haustypen, angefangen bei den fränkischen Fachwerkbauten, über das Jurahaus im Altmühltal, den flach geneigten niederbayerischen Dreiseithof, das Haus des nördlichen Oberbayerns mit seinem vorgezogenen „Greddach“ bis hin zum Allgäuerhaus im südlichen Schwaben.

    Das Rieser Bauernhaus ist eine Variante zum „Nord-Schwabenhaus“, das mit seinem steilen, das Regenwasser schnell ableitenden, weil früher mit Stroh gedecktem Dach, dem
    gemauerten Ortgang und seiner typischen Giebelzier (Giebelkrönung als Zirbelnuss, als Kugel, Schwalbenschwanz, Spitze, neuerdings auch Gockel, Karpfen!) und seinen einheitlich gehaltenen kleinen, mit meist grünen Klappläden versehenen Sprossenfenstern die Dörfer prägte. 

    Das Ries selbst musste das Baumaterial liefern, denn es sollte ja kostengünstig gebaut werden; das waren die Bruchsteine (Mauerwerk), Sand und Kalk (Mörtel), Fichtenholz (Dachkonstruktion), Roggenstroh (Dachbedeckung) und später Lehm (Dachdeckung mit Dachplatten). Lediglich Eisen und Glas mussten gekauft werden. So war auch eine schadlose Rückführung in den Kreislauf der Natur möglich, wenn ein Gebäude einmal nicht mehr benötigt wurde. „Recycling“ war für unsere bäuerlichen Vorfahren immer schon eine Selbstverständlichkeit! Man baute nicht nur gegen, sondern vor allem mit der Natur, nutzte
    die Mulde, duckte sich mit seinem Haus wenn möglich an den Hang in den Windschatten, ließ Regenwasser nicht einfach weglaufen, sondern sammelte es im Löschweiher, der auch Enten und Gänsen Lebensraum bot. 

    Merkmale der regionalen Bauweise

    Jedes alte Bauernhaus hat ein Gesicht, eine Hauptfront, die Fassade. Meist ist es der Giebel, der im Ries stets zur Straße zeigt. Er lebt vom Rhythmus, von der Zahl und der Proportion der Fenster. Magdkammern waren nicht selten vergittert. Ortgang und Traufknoten (Widerkehr) sind typische Merkmale des Rieser Hauses, Putzglieder, Etagenbänder und Lisenen sind vom fränkischen Haustyp übernommen, machen sich aber auch bei uns sehr gut. Erdfarben oder ein leichtes, helles Grün haben das gekalkte Weiß auf dem glatten Putz zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgelöst. Die der Hofseite zugewandte Seite des Hauses hat ebenfalls eine klare Gliederung: Zwischen je zwei Stuben- und Kammerfenstern befindet sich die Haustür, und daran
    schließt sich bereits der Stall mit einer weiteren Tür an, bei sogenannten „Einfirstsölden“ auch noch die Scheune mit dem zweiflügeligen Tor, in das eine eigene Tür eingebaut ist. Größere Bauernhäuser haben einen eigenen Stadel, der quer steht und den Hof zu den Feldern und Obstgärten hin abschließt. Bei diesen Höfen bilden die Austragshäuschen und oft auch der Misthaufen die dritte Seite, während die vierte Seite vom Hoftor gebildet wird. Ein einfacher Lattenzaun oder eine niedrige Mauer grenzte das Vorgärtlein von der Straße ab.

    Eine willkommene Gestaltung

    Auf den Eingangsbereich legten unsere Vorfahren großen Wert! Die Haustür ist wie ein Händedruck. Man weiß bei der ersten Begegnung, mit wem man es zu tun hat und was einen erwartet. Man war willkommen. Die alte Tür und der Türstock sind daher oft geschmückt mit Profilen und Ornamenten, mit einer Jahreszahl oder den Initialen der Besitzer. Sie erzählt Familiengeschichte. Das Oberlicht im Zargenstock über dem Kämpfer der Haustür erhellte den Hausgang und diente zur Ablage des Schlüssels, wenn man „ins Feld ging“. Die alte Ziehglocke war unabhängig vom elektrischen Strom, war billig und funktionierte jederzeit. Nirgends fehlten Ziehbrunnen und Hofbaum. Fließendes, frisches Wasser für Mensch und Tier war nötig – und der Laubbaum am Hauseck diente als Sichtschutz, Staubfänger, Schallschlucker und Sauerstofflieferant. Bäume waren heilig. Sie brachten Leben in die Straßen. Eine inzwischen längst überholte Besonderheit auf dem Land war das Aborthäusle, stets in der Nähe der Mistgrube gelegen. Es war entweder aus Holz oder gemauert und allgemein recht beliebt. Die Menschen früher lebten einfach und praktisch.

    Schon vor Jahren gab es einen Wettbewerb um das schönste Bauernhaus im Landkreis. Die Kommission hatte auf folgende Kriterien zu achten:

    1. Baustil soll dem Ort bzw. Gebiet angepasst sein
    2. Dachform Satteldächer 42 ° – 53 
    3. Kniestockhöhen 50 – 60 cm
    4. Dacheindeckung rote Biberschwanzplatten oder Pfannen (nicht engobiert!)
    5. Dachüberstände Gesimse und Ortgang gemauert; in Neubaugebieten 30-50 cm 
    6. Gaubenform als Schlepp- oder Sattelgaube; keine liegenden Dachfenster 
    7. Fenster mit Läden Ausführung in Holz, geteilt (früher 6!) und Mittelpfosten
    8. Türen; Treppe aus Holz, früher mit Oberlicht; keine Marmortreppe!
    9. Verputz; Anstrich glatte Putze; kein „Kuhfladen"-od. Kellenputz); nicht grell
    10. Gestaltung landschaftsgerecht, keine Loggien, Erker, Dreiecksgauben, Türme, Geländer im Jodlerstil; vielleicht sogar noch mit Giebelzier; Grundriss längsrechteckig
    11. Hofbaum Obstbaum, Linde; Spalierobst
    12. Gartenzaun, Mauer senkrechter Lattenzaun, bzw. nicht zu hohe Mauer

    Auffälligste Veränderungen der in Jahrhunderten gewachsenen Kulturlandschaft erfuhren die Dörfer und Städte. Überall entstanden Wohnsiedlungen, die oft größer sind, als die alten Ortskerne, die wiederum von Leerständen bedroht sind und oftmals schon Lücken aufweisen (vgl. Kommentar von Barbara Wunder). Nur zwei oder drei Gemeinden im Landkreis Donau-Ries
    machten inzwischen auch Ernst mit einem Innerortsbebauungsplan und der damit verbundenen innerörtlichen Nachverdichtung bei gleichzeitiger Erhaltung und Bewahrung der regionalen Baukultur. Die originalen Haustypen verschwinden immer mehr. Das „Toskana-Haus“ und früher im Ries unbekannte „zweigeschossige Allerweltshaus“ mit geringer Dachneigung nehmen überhand. Darum begrüßen die Heimatpfleger die Initiative des Landratsamtes, wieder verstärkt auf die Bauweise in den neu ausgewiesenen Baugebieten und eine passende Nachverdichtung in den Ortskernen selbst zu achten, sollten dort Leerstände ihr Dasein fristen. Eine Nachverdichtung mit qualitätsvollen Bauwerken wäre für die Region wichtig und erstrebenswert, da dies nachhaltig und gewinnend zur Stärkung des ländlichen Raumes beitragen könnte. Dies ist Grundlage dafür, dass die Kommunen auch in Zukunft die Attraktivität für ihre Bewohner erhalten können!

    Tatsächlich fand die Jury, deren Mitglieder aus den verschiedensten Spezialgebieten des Landratsamtes und des Landwirtschaftsamtes kamen, in Ederheim noch ein „unversehrtes“ Bauernhaus, das alle diese Kriterien erfüllte.

    „Wertvolle Ortskerne – eine architektonische Identität“

    Besonders heute gilt: Es muss an den richtigen Orten mit regionaltypischer Gestaltung gebaut werden

    Für die Bauten des Alltags konnten keine hohen Transportkosten in Kauf genommen  werden. Es lag daher nahe, dass das Baumaterial aus der nächsten Umgebung für den Hausbau genutzt wurde. Damit war nicht nur eine selbstverständliche Einfügung in die Landschaft, sondern auch die Vielfalt der regionalen traditionellen Bauformen zwangsläufig die Folge (vgl. Beitrag von Herbert Dettweiler). Ob es sich um flachgeneigte Pfettendächer mit einer Legschindeldeckung bzw. einer Dachhaut aus Kalkplatten (Altmühltal), Schieferplatten (Röhn) oder um steile Sparrendächer mit einer Ziegeldeckung – welche die Dachhaut aus handgedroschenem Roggenstroh ersetzte – handelte, immer sind das Baumaterial und die Konstruktion mit Gestalt aufeinander abgestimmt und dadurch ortstypisch ausgeprägt.

    Für jede Region sind Grundrissorganisation, Wandaufbau und Dachkonstruktion als grundsätzliche Rahmenbedingungen erkennbar. 

    Unterschiedlich sind jedoch die einzelnen Ausformungen, wie z.B. die Größenordnung der Gebäude, die Verhältnisse zwischen Wohn- und Wirtschaftsteilen, die Verhältnisse zwischen Mauerwerk und Holzkonstruktionen, mit Verhältnis zwischen Wand- und Öffnungsflächen, sowie die Verteilung und Größenordnung der Fenster- und Türöffnungen. Damit erhält jedes Gebäude, innerhalb der gemeinsamen Merkmale einer Region, eine unverwechselbare individuelle Gestalt und Ausprägung.

    Regionale Bauformen und Materialien

    Bei aller Eigenständigkeit der einzelnen Häuser zeigte sich die Einheit der Gestaltung zu den Nachbargebäuden – und dies sollte es auch heute noch. Vor allem in der Dachkonstruktion, mit Traufseitig und Giebelseitig teils abgeschrägten glatten und teils profiliert ausgeführten gemauerten Gesimsen im schwäbischen Bereich. Auch bei der Ausformung und Anordnung der Fenster- und Türöffnungen und der Dachabdeckung unter Verwendung von den notwendigsten Baumaterialien, wie z.B. Bruchsteine für die Fundamente, Ziegel aus Ton (für die Außenwände teils auch Natursteine), Holz für die Fenster, Balken und Fußböden, Mörtel für den Putz, Dachziegel aus Ton in Naturrot ohne Engobe mit der Chance Patina anzusetzen. Dazu das Fensterglas, Blech, geschmiedetes Eisen für die Beschläge und Natursteine für die Bodenbeläge des Erdgeschossflures mit der Haustreppe. Diese Baumaterialien finden sich durchwegs an den alten Häusern, den rechten Umgang mit diesen Materialien, ihr Verhalten, ihre Qualitäten, die Möglichkeiten sie miteinander zu kombinieren kannte man seit Generationen. Die Nutzung der naturräumlichen Angebote des jeweiligen Ortes in Boden, Wasser, Klima und Vegetation führte dazu, dass nach Lage im Gelände mit Wahl der Baustoffe das Bauen mit der Landschaft zu einer neuen, in sich wieder stimmigen Gesamtheit zusammengefügt werden konnte. Die unterschiedlichen Sozialstrukturen der ländlichen Siedlung führte nicht nur in den Dörfern zu verschiedenen Gebäudegrößen, von den kleinen erdgeschossigen Häusern mit steilen Satteldächern bis zu den großen mehrgeschossigen Gebäuden, wie Pfarrhöfe, Schulen, Forsthäuser, Verwaltungsgebäude und auch Gasthöfe, welche durch die Ausführung mit steilen Walm,- und Mansarddächern auch sofort erkennbar waren. Die landschaftlich bezogenen Konstruktionsmerkmale blieben jedoch bestimmend für den Bau der Gebäude. So unterscheiden sie sich im Landkreis Donau-Ries, bis auf den südöstlichen und nordwestichen Landkreis – z.B. fränkische Dachgauben im Nördlinger Stadtgebiet, nicht grundsätzlich.

    Grundkonzept für Neubaugebiete

    Heute entsprechen die Neubaugebiete kaum mehr der Qualität eines klassischen Beispiels von gewachsenen Ortsräumen. Eher entwickeln sich immer mehr die Ortszu Stadtbildern. Beim Betrachten der dargestellten Straßenräume ist heute keine harmonische Raumqualität, welche sich in der Ausrichtung der Gebäude, in den einheitlichen Baufluchten, gleichen Dachformen, Dachdeckungen und Firstrichtungen ausdrückt, zu erkennen. Ein Grundkonzept, mit welchem die prägenden Elemente der Landschaft aufgenommen und in das Gefüge aus Bebauung, Erschließung und Freiraum eingefügt werden, fehlt. Dies sollte auch heute noch für die Planungen in den Ortskernen und an den Dorfrändern eine wichtige Vorbildfunktion sein.

    Zu diesem Grundkonzept gehört, als wichtiges soziales Element, ebenso der öffentliche Straßenraum. Die Straße diente seit jeher als Zugang zum Haus, zur Nachbarschaft und als Weg vorbei am Haus zum teils großzügigen Straßenanger als gliedernder öffentlicher Freiraum. Die Bewohner des Dorfes kannten in der Regel die Namen der einzelnen Höfe. In den Neubausiedlungen an den Ortsrändern – wo die Vielfalt der Einfalt weicht – sind die Häuser auf den einzelnen Parzellen nummeriert. Der Ortsname des Dorfes deckt heute zwei Welten, einmal das Leben in der Gemeinschaft im Ortskern, das andere Mal das Leben hinter dem Gartenzaun im Planquadrat. Doch auch im Neubaugebiet sollte gelten: Das Gemeinschaftsgefühl ist Kern der Dorfidentitäten. Hier kennt und trifft man sich. Hier sollten öffentliche Freiflächen als Treffpunkte geschaffen werden.

    Wenn im Zuge der gewachsenen Individualisierung – unter der Prämisse einer sogenannten freien Baugestaltung – die kommunalen Entscheidungsträger verstärkt die Freigabe aller städtebaulich ordnender Prinzipien fordern, ist zwangsläufig die Folge, dass die Ortsränder nicht mehr der notwendigen Qualität von gewachsenen und erweiterten Ortsbildern entsprechenb(vgl. Kommentar von Barbara Wunder). Wie sich Gebäude in ihre Umgebung einpassen – ob jahrhundertealt oder brandneu – ist nicht allein Sache der persönlichen Wunschvorstellung, sondern eine kulturelle Gemeinschaftsaufgabe. Bauen ist bei aller notwendigen Freiheit des Bauherrn auch soziales und gemeinschaftliches Interesse (vgl. Beitrag von Dr. Wilfried Sponsel). Bauen wir also auch im Neubaugebiet in der Qualität von gewachsenen Ortskernen. Dies ist nicht nur positiv für das gesamte Erscheinungsbild, sondern auch für den sozialen Zusammenhalt und die zukünftige Entwicklung der Kommune.

    Zeitgenössische Baukultur regionaltypisch umgesetzt

    Während von der Bevölkerung in den beliebten Urlaubsgebieten und historischen Stadtkernen der Region selbstverständlich eine intakte Baulandschaft erwartet wird, fehlt es im dörflichen Umfeld oft an Verständnis und Engagement, die eigene Heimat durch stimmige neue Baukonzepte vor kulturellen Verlusten zu bewahren. 

    Die gegenwärtigen Gestaltungssatzungen priorisieren heute überwiegend den Individualismus. Die Bauherren und –herrinnen wollen sich selbst verwirklichen, weshalb weitere Haustypen und Dachformen akzeptiert und zugelassen werden.

    Jedoch fügen sich die Neubauten dann keineswegs geschlossen und harmonisch in den gewachsenen Ortskern mit erweitertem Dorfrand ein. Der regionale Bezug wird hier oftmals vermisst.

    Bei aller individuellen Freiheit in der Gestaltung wird oftmals die Rücksichtnahme auf die umgebende Kulturlandschaft mit ihrem Charakter, auf die benachbarte umgebende Bebauung des Ortes und auf den örtlichen Kontext vernachlässigt. Zeitgemäßes Bauen muss heute zugleich auch regionales Bauen bedeuten. Die ortsspezifische Identität gilt es zu erkennen und zeitgemäß weiterzuentwickeln. Hier sollte der Dialog und die Wechselwirkung mit der natürlichen und der gebauten bestehenden Umwelt im Vordergrund stehen. Das sich dies nicht ausschließt, zeigen zahlreiche gute Beispiele in der Region. Heute ist zu erkennen, dass die Verödung vieler historscher Dorfkerne, die saniert werden müssen, zunimmt. An den Ortsrändern entstehen neue monotone, gesichtslose Wohngebiete mit flächenfressender Zersiedlung der freien Landschaft. 

    Für beide Probleme, die Verödung der bestehenden Ortskerne und die Ausuferung der Ortsränder, müssen die Erneuerungs- und Entwicklungsmaßnahmen neu überdacht werden. Attraktive Ortsbilder und gewachsene Kulturlandschaften verschwinden. Daher sind die Erneuerungs- und Entwicklungsmaßnahmen vor allem im Hinblick auf die Erhaltung der regionalen Baukultur zu planen und durchzuführen.


    *Alte Häuser "wuchsen" aus anschließendem Gelände, ohne Betonung des Sockelbereichs

    „Wertvolle Ortskerne – dörfliche Traditionen erhalten“

    Eine ortstypische Baukultur prägt die Gesellschaft – Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

    Dörfer und Städte, ja ganze Landschaften stehen heute unter einem enormen Veränderungsdruck. Straßenbau, die Ausweisung von Neubau- und oftmals auch von Gewerbegebieten fordern ihren Tribut. Hinzu kommen vielerorts verödete Ortskerne und „ausgefranste“ Ortsränder. Was wir heute beobachten, wurde schon vor fast 40 Jahren beschrieben. „Die veränderten Lebensformen und Arbeitsbedingungen, der technische Wandel und die Ansprüche des Verkehrs sind auch im Ries nicht ohne Auswirkungen  geblieben auf das Bild der Landschaften, auf das Aussehen und das innere Gefüge der Städte und Dörfer, auf Landnutzung und Wegenetz.“ So formulierte im Jahre 1983 Bezirksheimatpfleger Hans Frei in seinem Buch „Das Ries, wie es ist“. Und er fügte damals hinzu, dass auch im Bereich des Bauens, d.h. in der Wahl der Baustile und der Bauformen, deutliche Veränderungen zu beobachten seien.

    Hochwertiges Bauen im Umgang mit dem Kontext

    Seither hat der Veränderungsdruck deutlich zugenommen, bedingt auch durch einen allenthalben zu beobachtenden Individualismus – oder soll man besser sagen: Egoismus? – der in erster Linie die Durchsetzung eigener Interessen verfolgt und das Ganze gerne aus den Augen verliert.

    Von diesem Denken her wird der Grundsatz, „das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, vernachlässigt. Wer seinen Blick nur auf das Einzelne richtet, verliert den Zusammenhang aus den Augen. Konkret heißt das: Wer nur seinen Baustil durchsetzen will, vergibt die Chance, sein Haus in das Landschaftsbild und in das seit Jahrhunderten gewachsene Ortsbild einzupflegen. Dabei wird allzu leicht vergessen, welche interessanten Gestaltungsmöglichkeiten die moderne Interpretation traditioneller Bauformen bieten. 

    Heute bestimmt die Vielfalt moderner Bauformen das Bild zahlreicher Neubaugebiete. Was ist dagegen einzuwenden? Drückt sich darin nicht die Pluralität der heutigen Lebensformen aus und wäre die Vielfalt deswegen nicht begrüßenswert? Das kann man durchaus so sehen. Doch darf dabei nicht übersehen werden, dass damit nicht nur die Homogenität des traditionellen Dorfbildes aufgegeben wird, sondern auch die Anbindung an das „alte“ Dorf. Konkret heißt das: Mit jedem neuen Baugebiet, welches die regionaltypische Struktur und Bebauung außer Acht lässt, entstehen gesichtslose Bereiche fern der Heimat. Nicht nur Neubaugebiete, sondern auch die vielerorts entstandenen Gewerbegebiete sorgen somit für eine „Auflösung“ der Dorfränder und nicht selten auch für eine Verödung der Ortskerne. Es verschwinden attraktive Ortsbilder und gewachsene Kulturlandschaften. Die Identität geht verloren. 

    Vor fast 20 Jahren hatte die Arbeitsgruppe „Das Ries im Wandel“ bereits auf diese Problematik hingewiesen und auch Alternativen entwickelt. Es wird Zeit, erneut eine Initiative zu starten, die den beschriebenen Wandel begleitet und neue Akzente setzt. Wäre es deshalb nicht sinnvoll, das Bauen im Ortskern bzw. die Renovierung eines im Dorfkern liegenden Anwesens durch finanzielle Anreize wie Steuererleichterungen zu fördern? Wäre es nicht wichtig, das Konkurrieren der Gemeinden um zukünftige private oder gewerbliche Bauherren durch gemeinsame Standards zu unterbinden? Wäre es nicht richtig, erneut auf den hohen Stellenwert des Ensembleschutzes hinzuweisen, um so die noch intakten Ortsstrukturen zu erhalten? Wäre es nicht dringend notwendig, die Kommunen mit Fördermitteln zu befähigen, wichtige Immobilien in den Zentren zu erwerben, um ein lebendiges Innen zu schaffen? Und nicht zuletzt: Wäre es nicht lohnenswert, einen Blick auf das „alte“ Dorf zu werfen, um daraus Anregungen für die Neugestaltung des „heutigen“ Dorfes zu erhalten? 

    Fazit: Jeder Einzelne ist heute aufgefordert, über seine Ansprüche an modernes Wohnen nachzudenken und diese im Sinne des Großen und Ganzen kritisch zu reflektieren. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen gemeinsame Anstrengungen unternehmen, um der Erosion des Dorfes und der Landschaft Einhalt zu gebieten. Denn die Frage ist doch: Wie viel Veränderung halten die Dörfer, die Städte und die Landschaften noch aus, bis sie ihre Identität endgültig verloren haben? Ein besonnener Umgang mit dem regionalen Kontext lässt hochwertigen Lebensraum im ländlichen Raum entstehen. Dies ist die Grundlage dafür, dass die Städte, Märkte und Gemeinden auch in Zukunft ihre Attraktivität für die Menschen bewahren können.